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Geschichte: Aufwachen (Teil 3)


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 Aufwachen (Teil 3)
Buch:
  Aufwachen
Autor:
 Equestrice (Profil)
Datum:
 07.01.2017 17:26

Es gab einen Ort, der mich mit ihm verband.

>>Vor vielen Jahren, als der Winter wieder begann, wollte ich auch zu den 'Beliebten' gehören. Ich erfuhr, dass sie am folgenden Samstag eine Schlittschuh-Party schmeissen wollten. Eintritt war zwar frei für alle, doch diejenigen, die keine Einladungskarten bekamen und trotzdem auftauchten, wurden ausgelacht.

Eine von ihnen war ich.

Obwohl ich nicht eislaufen konnte, wagte ich mich am späten Nachmittag buchstäblich aufs Glatteis. Da es in unserem Dorf keine Eishalle gab, benutzen die meisten den zugefrorenen Teich als Lauffläche.

Also schlitterte ich unbeholfen von der einen Person zur anderen, wurde teils mit verächtlichen Blicken gestraft und beharrte trotzdem darauf, bis zum Ende der Party zu bleiben. Erstaunlicherweise schaffte ich es sogar, mich nicht vor den Beliebten zu blamieren und eine kurze Unterhaltung mit ihnen zu führen, bevor sie wieder kichernd, jedoch elegant, davon eilten.

Es schien immer besser zu werden, bis mein Fuss plötzlich an einer Wurzel hängen blieb und ich hart auf auf dem Eis aufprallte. Alles drehte sich, mein Knie pochte vor Schmerz. Doch damit nicht genug: Im nächsten Moment brach die Eisschicht unter mir zusammen, und ich versank im eiskalten Wasser.

Die Kälte lähmte mich, aber ich schaffte es, mich wieder an die Oberfläche zu kämpfen und gierig nach Luft zu schnappen. Mittlerweile waren alle in Aufregung und zeigten mit ihren Fingern auf mich. Obwohl meine Hilferufe nicht zu überhören waren, kam mir niemand zu Hilfe, vielleicht, weil sie nicht mutig genug waren, oder Angst hatten, auch so zu enden wie ich.

Mein Körper war erschöpft, ich merkte, dass ich keine Kraft mehr hatte, mich über Wasser zu halten. 'Wird das mein Tod sein?', dachte ich und schrie zum letzen Mal aus vollem Halse, bevor ich jämmerlich unterging.

Obwohl das mein Tod hätte sein sollen, kam meine Rettung, ein Engel. Zwei starke Arme packten mich und zogen mich wieder an die Oberfläche, wo sich meine Lungen wieder mit Sauerstoff füllten. Keuchend und zitternd lag ich zusammengekrümmt am Boden, atmete tief durch und ignorierte die besorgten Fragen.

'OMG, du wärst fast ertrunken!', rief Roxy, eine der 'Beliebten' und lachte schrill. 'Wäre da nicht Liam gewesen, wärst du Fischfutter!' Nur wenige lachten mit, die meisten schüttelten die Köpfe und verließen die Party. Die Laune war am Nullpunkt.

Langsam klärte sich meine Sicht wieder auf und ich richtete mich zitternd auf. Eine Hand legte sich auf meinen Rücken und stützte mich. 'Tut dir was weh?' Ich drehte mich um und blickte in mitfühlende braune Augen. 'M-mein Knie...', stotterte ich und klapperte mit den Zähnen, woraufhin mein Retter mir seine Jacke gab, mir half aufzustehen und mich nach Hause begleitete.

Natürlich waren meine Eltern bestürzt, doch sie dankten Liam überschwänglich und luden ihn und seine Familie zum Abendessen ein. Und so lernten wir uns besser kennen, meine Eltern freundeten sich mit Rebecca und Steve an, während Liam und ich ab diesem Zeitpunkt unzertrennlich waren. <<

Ich erwachte aus meinen Gedanken und erinnerte mich, für was ich eigentlich hierher gekommen war.

Durch meinen Körper stießen Adrenalin Schübe, als ich mit schnellen Schritten in Richtung des Teiches lief. Kies knirschte unter meinen Schuhsohlen, Blätter wurden von einem frischen Wind aufgewirbelt. Schliesslich stand ich auf einer Lichtung, die von Bäumen geschützt war und keine zwei Schritte entfernt vom Wasser, dessen leicht bräunliche Farbe wahrscheinlich durch den Schlamm verleiht wurde.

Ich setzte die Schachtel ab und begann, den weichen Schlamm mit den Händen auf die Seite zu schieben, bis ein ungefähr ein Meter tiefes Loch entstand. Dort legte ich behutsam die Schachtel hinein und schüttete die Öffnung wieder zu. Schnell tauchte ich meine Hände ins Wasser, um den Schlamm abzuwaschen und warf einen letzten Blick auf die frisch bedeckte Stelle.

Dann blickte ich hinauf in den wolkenbedeckten Himmel.

Und hoffte, dass es irgendwo dort oben einen Gott gibt, der Liam einen Platz im Himmel freigehalten hat.

Jeder muss mal dem Tod gegenüberstehen. Aber Liam hat es nicht verdient. Er hätte es so weit im Leben bringen können. Und dann musste er in diesem jungen Alter sterben? Ist das nicht ungerecht?

Ist es etwa vorbestimmt, wie lange ein Mensch zu leben hat? Hat jede Person eine Geschichte, in der alles Anfang bis zum Schluss vorbestimmt ist? Jeder Tod ist unterschiedlich. Steht es in Liams Geschichte geschrieben, dass er an diesem Datum wegen einem Autounfall sterben wird?

Ich wandte mich schweren Herzens zum Gehen. Man kann die Vergangenheit nicht ändern.
Es kann nicht rückgängig gemacht werden.

Mit jedem weiteren Schritt wurde ich befreiter. Ich fühlte mich so leicht. Es tat gut, loslassen zu können. Liam hätte gewollt, dass ich weiterkämpfte. Dass ich nie aufgeben sollte, egal wie hart das Leben einen mal treffen kann.

Und heute ist der Tag, an dem ich sagen muss:

Kämpfe weiter.

_______________________________________

(Ungefähr ein halbes Jahr später)

Es war ein warmer Vormittag, die Vögel zwitscherten ganze Harmonien und Blütenköpfe ragten aus der verbliebenen dünnen Schicht Schnee. Einzig allein die Stimmung stimmte nicht mit der Idylle überein.

Mom und ich sassen im Auto, stillschweigend. Leise Musik plärrte aus dem Radio, mit dem Versuch, die Stimmung etwas aufzulockern. Schliesslich parkierte Mom vor einem beeindruckenden Tor und wir stiegen aus, immer noch schweigend.

Mom legte ihre zarte Hand auf die rostige Klinke und drückte sie hinunter.

Unter den Sohlen knirschte das Kies, vielleicht waren es auch Scherben, mehrere zerbrochene Bierflaschen waren der Beweis dafür. Jedenfalls fühlte es sich an, als würde ich mit jedem weiteren Schritt Richtung Grabstein gleich an meinem hochkommenden Frühstück ersticken.

Der Grund, weswegen ich mich so elend fühlte? Wieso dieser Tag kaum schlimmer werden könnte?

Heute war Liams Geburtstag.

Liebend gerne hätte ich eine Party für ihn geschmissen, ihm das beste Geschenk auf Erden gekauft und einfach gefeiert. Leider sieht die Realität etwas anders aus.

Nun erreichten wir sein Grab, den jemand mit einem frischen Blumenstrauss geschmückt hatte. Ich hörte, wie Mom seufzte. Mir ging es genauso wie ihr. Trotz allem brachte ich ein kleines Lächeln zustande. Ich zog den weissen Umschlag aus meiner Tasche und zögerte kurz, bevor ich ihn neben den Blumen legte. Mom sah mich an, in ihrem Blick lag so viel Schmerz und Trauer, so dass ich nicht anders konnte, als sie zu umarmen.

"Ich bin so stolz auf dich, weißt du das eigentlich?", wisperte sie und strich mir sanft über den Rücken. "Mein starkes Mädchen."

Lange standen wir da, an seinem Grab, bis Wolken den blauen Himmel verdeckten und es anfing zu Regnen. Arm in Arm kehrten wir zurück zum Auto und fuhren nach Hause.

Auf der Fahrt schossen mir immer noch unzählige Fragen durch den Kopf. Nach einem halben Jahr konnte ich besser mit seinem Tod leben, konnte lachen und die Momente genießen. Denn etwas habe ich gelernt: Wie wertvoll das Leben eigentlich ist. Und wenn wir unsere Zeit nicht wertschätzen, so denke ich, wird man keines schönen Todes sterben.

Ich hoffe, dass Liam wenigstens schöne Momente in Erinnerung behalten konnte.

Und ich bin mir sicher, dass ich ihn wiedersehen werde.

ENDE

____///_____

 Re: Aufwachen (Teil 3)
Autor:
 Equestrice (Profil)
Datum:
 07.01.2017 17:28
Bewertung:
 

So, jede Geschichte muss mal zu Ende kommen. lachend Ich hoffe, Euch hat das Lesen genauso viel Spass gemacht wie mir das Schreiben :')

 Re: Aufwachen (Teil 3)
Autor:
 nightdragon (Profil)
Datum:
 07.01.2017 18:45
Bewertung:
 

Ja, das hat es.

 Re: Aufwachen (Teil 3)
Autor:
 Karakoff (Profil)
Datum:
 07.01.2017 19:17
Bewertung:
 

Auf jeden Fall.

 Re: Aufwachen (Teil 3)
Autor:
 Nasobem (Profil)
Datum:
 07.01.2017 20:49
Bewertung:
 

Mir auch!
Wirklich, ein schöner Schluss und all das, eine schöne Botschaft.

Aber Moment! Eine Wurzel im Eis? Wie soll das gehen? Das geht nur am Ufer. Aber dort bricht das Eis nicht unter einem ein und wenn, dann hat man keine Chance, zu ertrinken.
Naja, vielleicht war es ja keine Wurzel sondern ein abgebrochener Ast oder sowas, der im Wasser trieb und festfror, als der Teich zufror.

Aber ich werde darüber und über die wenigen Fehler hinwegsehen, weil die Geschichte wirklich schön war.

 Re: Aufwachen (Teil 3)
Autor:
 Nasobem (Profil)
Datum:
 07.01.2017 20:57
Bewertung:
 

Da fällt mir ein Liedtext ein.

"(...) Just because I find myself in this story
Doesn't mean that everything is written for me.
If I think the ending is fixed already,
I might as well be saying, I think that it's okay...
And that's not right!
And if it's not right...
You have to put it right!
But nobody else is gonna put it right for me,
Nobody but me is gonna change my story-
Sometimes you have to be a little bit naughty!"

("Naughty"; aus dem Musical "Matilda")

...

Ich mag es einfach, Liedtexte zu zitieren... lachen



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